In 80 Aufführungen zu regionalem Ruhm

In 80 Aufführungen zu regionalem Ruhm

Alexander Meneikis

13.06.25

Geschichte eines Schul-Musicals

Wie ein Gymnasium in Hamburg ein kleines Meisterwerk in die Welt brachte – mit gut organisierter Zusammenarbeit von vielen sehr verschiedenen Menschen

1980 kam ich auf das Corvey-Gymnasium in Hamburg-Lokstedt. Kurz darauf entdeckte ich die Gitarre als Instrument.

An der Schule wurde generell viel Theater gespielt und etwas Musik gemacht.

Ich wirkte an einem Musical mit über das Märchen „Kalif Storch“, zuerst noch an der Snare Drum. Dann wurde mein Gitarrenspiel besser und ich wurde gefragt, ob ich an einem größeren Musical-Projekt mitwirken wollte.

Was mir nicht bewusst war, das Corvey-Gymnasium hatte eine lange Tradition von Musicals. Als ich ins Bild kam, gab es bereits 15 Jahre Erfahrung mit solchen Projekten.

Das wirkungsvolle Opus entstand immer wieder aus denselben Komponenten – die Kurse „Darstellendes Spiel“ entwickelten die Szenen der Stücke im Detail und stellten die Schauspieler. Der Kunst-Leistungskurs baute die Kulissen und Requisiten und fertigte die Kostüme. Der Musik-Kurs lieferte die Musik.

Es gab immer wieder Massenszenen mit rhythmischen Sprechchören. Die Stücke vereinten ein schnelles Storytelling mit Humor. Die Musik wurde entweder vom Musik-Kurs selbst geschrieben, oder es wurden bekannte populäre Songs verwendet und mit neuen, deutschen Texten versehen.

So war es auch bei dem Großprojekt „In 80 Tagen um die Welt“, von dem brillanten französischen Visionär Jules Verne. Die Story war uns geläufig aus dem Buch, aus Filmen und Comics. Der exzentrische Brite Phileas Fogg schließt mit seinem britischen Herrenclub eine Wette ab, dass er in 80 Tagen einmal um den Globus reisen kann. Gemeinsam mit seinem Diener Passepartout macht er sich auf den Weg, und nach zahlreichen turbulenten Abenteuern kehrt er siegreich in den Herrenclub zurück, in letzter Minute.

Für das Musical wurde die Geschichte verändert. Die Stationen der Reise waren andere, die Geschehnisse waren etwas anders, und es wurden ein paar Charaktere verändert, hinzugefügt, ausgetauscht. Im Kern ging es um das Abenteuer, an vielen Orten der Welt zu bestehen, schnell genug weiterzukommen, um die Wette im Herrenclub zu gewinnen.

Insgesamt war mir das ziemlich egal. Mir ging es um Möglichkeiten, mich selbst ins Rampenlicht zu stellen, um nicht vorhandenes Selbstwertgefühl zu ersetzen. Das funktionierte damals natürlich genauso wenig wie sonst auch immer bei allen anderen, aber das war halt die Dynamik.

Während ich bereits damals die Schauspieler respektierte und einige bemerkenswerte Talente erkannte, sehe ich die Schönheit und Größe des Projektes erst jetzt im Rückblick. Diese Produktion war ein großartiger Motherfucker von einem Kunstwerk.

Der männliche Hauptdarsteller spielte Phileas Fogg als echten Klischee-Briten seiner Zeit. Höflich, förmlich korrekt, steif, hölzern und etwas autistisch.

Der Diener Passepartout bescheiden, clever, aber nie im Vordergrund.

Love Interest Miss Molly war so ganz anders, emotional, leidenschaftlich.

Als Comic Relief wurden drei Geheimagenten hinter Fogg hergeschickt, aufgrund des Verdachtes, er sei ein internationaler Agent. Die drei, völlig unauffällig gekleidet in Trenchcoats und Sonnenbrillen, immer einen Schritt hinter den Reisenden und ein wenig naiv.

Dazu kamen Massenszenen mit zahlreichen kleinen und mittelgroßen Rollen. Choreographierte Aufmärsche, rhythmisch koordinierte, gegeneinander gesetzte verschiedene Sprechchöre, mal britisch geregelter Verkehr, mal turbulentes Durcheinander im Mumbai oder New York City.

Die Szenen waren sehr gut geschrieben, die Story entwickelte sich mit Tempo und viel Humor.

Auf ihren Stationen begegneten die Reisenden dann allerlei Klischees. In den USA treffen sie Rambo, in Venedig darf natürlich der Gondoliere nicht fehlen, in Rumänien werden sie fast von Vampiren erledigt.

Die Kulissen, Requisiten und Kostüme wurden vom Kunst-Leistungskurs mit viel Liebe und Hingabe angefertigt. Manche Kleidungsstücke wurden auch aus Theater-Garderoben entliehen.

Britische Gentlemen natürlich in weißen Hemden und schwarzen Hosen und Jacken. Die britischen Damen in Kleidern mit Korsett.

Gerade in den Szenen mit exotischeren Schauplätzen gab es für die Teenager-Mädchen auch hier und da etwas knapper geschnittene Kostüme.

Dann war da die Band.

An den Drums zuerst Deutschlehrer Olaf Wunder, der einen soliden Beat lieferte. Er wurde später abgelöst von Stani, der bereits in sehr jungen Jahren mit einer eigenen Band auftrat. In meiner Gewissheit, immer zu wissen, was für alle das Beste ist, versuchte ich immer wieder, auf Stani einzuwirken, etwas simplere Beats zu spielen. Aber er hatte den Job aus einem Grund – er beherrschte sein Metier.

Am Bass Susanne Rohsius. Ich habe wenig mit Susanne interagiert. Sie spielte ihre Basslinien unaufgeregt und absolut präzise. Ich habe nie einen einzigen Fehler von ihr gehört, weder von den Noten noch vom Timing her. Aber anders als ich machte sie keinerlei Aufhebens um ihre Person.

Am Keyboard „Dr. M“, wie ich ihn nannte, in Anlehnung an Dr. Fink aus der Band von Prince. Matthias Schemmel war schon damals ein herausragender Keyboarder und ich war körperlich schmerzhaft neidisch auf die Qualität der Songs, die er bereits damals schrieb, sehr viel besser als meine eigenen. Wenn man einen brillanten Keyboard-Part brauchte, war Matthias die Go-To-Person. Später wurde er zunächst Dr. der Astrophysik, wie Brian May von QUEEN, und er spielte seine Keyboards so versiert und originell wie Brian May seine Gitarre.

Die Rhythmusgitarre spielte Steffi. Sie war herausragend als klassische akustische Gitarristin und gewöhnte sich dann an die E-Gitarre. Sie war Center Stage bei der Reisestation Venedig. Als der Gondoliere „O Sole Mio“ schmetterte, spielte sie eine klassische Arpeggio-Begleitung, an die ich nicht im Entferntesten herangekommen wäre.

Ich betrachtete mich als Leadgitarristen und ernannte mich zum Bandleader. Nun gut, ich kümmerte mich um ein paar technische Sachen und ein paar Aspekte der Vorbereitung. Und für die Verhältnisse der damaligen Zeit war mein Gitarrenspiel ganz gut. Ansonsten bestand meine Führung hauptsächlich darin, mit der tiefen Lebenserfahrung eines 18jährigen den Rest der Welt permanent zu belehren, was die einzig richtige Art und Weise ist, alles zu tun.

Der wahre Bandleader war Dr. Matthes, der coolste Musiklehrer ever. Er erklärte uns die Songs, machte Vorschläge für die Arrangements und gab dem Ganzen einen Rahmen, in dem es funktionieren konnte.

Populäre bekannte Songs wurden deutsch umgetextet. „Surfin‘ USA“ von den Beach Boys wurde zum Titelsong.

„Und wenn der Mond vom Himmel fällt – in 80 Tagen geht es um die Welt!“

Zwei Stücke aus der „Rocky Horror Picture Show“ wurden verwendet. Eines davon für die Szene mit den Vampiren in Transsylvanien, als die Ober-Vampirin – in einem recht gewagten Kostüm für eine 17jährige – in die Mitte der Bühne tritt und ihre Vampir-Armee befehligt.

Ziemlich sicher saß an einem Abend ein junger Quentin Tarantino im Publikum und kam so auf die Idee für „From Dusk Till Dawn“. Nur so ein Verdacht.

In meiner tiefen Bescheidenheit erdachte ich für den musikalischen Einstieg in diese Szene ein Riff, das ich dem Song einfach voranstellte, damit die Scheinwerfer für ein paar Sekunden auf mich gerichtet wurden.

Natürlich wieder in aller Bescheidenheit, schrieb ich eine Szene für mich selbst, in der ich selbst im Mittelpunkt stand. Aus QUEEN’s „We Will Rock You“ wurde „We Like New York”, wir rockten den Times Square mit einem deutschen Text, der ganz nihilistischer Zynismus war, beseelt von der absoluten Nutzlosigkeit allen menschlichen Strebens. Am Ende des Songs trat ich von der seitlichen Empore der Band auf die Mitte der Bühne und lieferte eine ziemlich vermurkste Version der Gitarren-Endsequenz von Brian May. Dann ein Luftsprung. Meine eigenen 15 seconds of fame, das musste ich mir geben.

Musiklehrer Dr. Matthes trainierte auch die Jungs und Mädchen aus der Schauspiel-Riege im Gesang, auf seine unaufgeregte, bescheidene, witzige Art. Es gab keine schiefen Noten während der Aufführungen. Und es gab präzise gesungene Harmonien live – eine solide Leistung.

Um eine weitere Chance zu nutzen, mich selbst in den Vordergrund zu stellen, produzierte ich in einem improvisierten Studio im Musikraum der Schule 4 Songs als „Soundtrack“ auf Kassette. Ich führte Regie während der Sessions und fand das Ergebnis ganz OK für eine erste Amateur-Produktion.

Wir spielten das ganze Werk weit über fünfzig Mal. Es kam die Zeit, wo wir der Proben etwas müde wurden und es gab eine milde Rebellion. Es gab einen Plan, eine völlig verdrehte Version des gesamten Theaterstücks aufzuführen, mit vertauschten Rollen von Männern und Frauen und einigen Absurditäten. Aber das Publikum hätte das nicht verstanden, und so wurde die Idee nicht umgesetzt.

Für etwas über ein Jahr war dieses Musical ein sehr substanzieller Teil unseres Lebens.

Ich fühle mich dankbar, das Ganze im Rückblick nochmals zu erleben und jetzt zu erkennen, was für ein schönes, tolles Projekt das war.